Veränderungen gegenüber aufgeschlossen sein!

Von Götz Bechtle 02.02.2020 - 17:52 Uhr

Schwarzwälder Bote

Bad Wildbad. Unter dem etwas provokativen und durchaus zu hinterfragenden Thema "Kirche hat Zukunft!" bot die katholische Kirchengemeinde St. Bonifatius in Bad Wildbad einen Vortrag mit Diskussion an, den Dekan Holger Winterholer aus Nagold hielt. Dass das Thema nicht nur katholische Christen interessiert, bewies der erstaunlich gute Besuch dieses Vortrag.

Nach der Begrüßung durch Franz Schiegl, der die Veranstaltung organisiert hatte, stellte Winterholer die derzeitige Situation der Kirche dar. Diese sei keineswegs ermutigend, Veränderungen seien klar erkennbar: Katholiken werden weniger, das "Personal", sowohl Haupt- als auch Ehrenamtliche, nimmt ab, der Bezug zum Glauben und damit zur Kirche schwindet, das Kirchensteueraufkommen wird geringer, die Austritte nehmen zu. Unmittelbare Gründe der Austritte seien der demografische Wandel und das Taufverhalten, was damit zusammenhänge, dass die Religion nicht mehr die einzige Möglichkeit sei, zu glauben, denn man könne heute auch anders oder gar nichts glauben. "Bis 2060", so Winterholer, "verringert sich die Zahl der Katholiken im Bistum Rottenburg-Stuttgart um 47 Prozent".

Diese dramatische Veränderung habe verschiedene Ursachen. Jugendliche (bis 25) hätten eine andere Vorstellung vom Glauben, da für sie der Glaube kaum wichtig sei. Die Lebensentwürfe seien vielfältiger geworden, Beruf, Familie, Freizeit stehe im Vordergrund, Themen wie Wellness, Reisen, Gesundheit und langes Leben seien heute wichtiger als der Glaube an Gott. Ist also der Glaube verloren? Verschwindet der Glaube aus der Gesellschaft?

Andererseits, so Winterholer, bestehe durchaus ein starker Aufbruchswunsch, so der sogenannte "synodale Weg" oder "Maria 2.0". Dies zeige, dass die Sinnsuche eine nicht unwichtige Rolle spiele.

Gemeinschaft suchen

Die Menschen würden Gemeinschaft suchen, die spirituelle und religiöse Dimension sei wichtig, zentral seien die Lebensfragen und Lebenswenden. Weiterhin bestünde hohes Engagement der Ehrenamtlichen, allerdings nicht als Hilfsdiener in einer hierarchischen Ordnung, sondern in selbst gewählten sinnvollen Aufgaben zu selbst bestimmter freiwilliger Mitarbeit als "soziales Erlebnis" in einem zeitlich begrenzten Projekt. Das neue Engagement komme, meint Winterholer, das er als "Engagement 4.0" bezeichnete: "Es engagieren sich zunehmend mehr Menschen, aber sie tun es weniger umfänglich, weniger in Leitungsaufgaben und eher in selbstorganisierten und nicht verplanten Formen".

Inspiriert vom französischen Bistum Poitiers und bereits umgesetzt in der Petrusgemeinde in Bonn und auch in anderen Bistümern nennt Winterholer seine Überlegungen für das Dekanat Calw den "Schwarzwaldweg". Die Ziele des sogenannten Petruswegs sind vielfältig, so das Wahrnehmen, was die Menschen in unserem Ort bewegt, weitere Menschen mit ihren Fähigkeiten erkennen, ermutigen und rufen, neue Ideen und Initiativen fördern und sogar an die Ränder der Kirche gehen.

Dazu gehöre eine Art "Gemeinde-Equipe" mit vier Beauftragten für die Grundaufgaben der Kirche. Dazu gehören Begegnung und Gastfreundschaft, Solidarität und Nächstenliebe, Glaubenszeugnis und Glaubensvertiefung, Gebet und Feiern des Glaubens. Mit der Frage, ob dies auch eine Option für die katholische Kirchengemeinde Bad Wildbad sei, eröffnete Winterholer eine Diskussion, die außergewöhnlich vielseitig, teilweise konträr und sehr intensiv war.

Dass die Kirchengemeinden Unterstützung benötigen, war allen Anwesenden klar. Im Bistum Rottenburg-Stuttgart gibt es 270 Seelsorgeeinheiten (Versorgung mehrerer Kirchengemeinden durch einen Pfarrer), in denen in zehn Jahren nur noch 170 deutschsprachige Pfarrer vorhanden sind. Deshalb brauchen die Kirchengemeinden organisatorische und finanzielle Unterstützung, und deshalb müsse man langfristig ein anderes Modell andenken, schließlich könne kein Pfarrer zehn Kirchengemeinden versorgen. Für die Zukunft gebe es kein Rezept. Deutlich wurde angemahnt, dass es keinen Hinweis auf die wichtige Rolle der Frau gebe.

Da die Kirche auf Vorwürfe und Fehler keine klaren Antworten gebe oder zu langsam sei, sei eine ansprechbare Leitung sehr wichtig. Auch ein Pastoralreferent könne eine Kirchengemeinde leiten, jedoch sei der Anfang zu zaghaft. Beispielhaft seien unter anderem die Bemühungen der Kirchengemeinde Baiersbronn. Auch im Raum Freiburg habe man die bisherige kirchliche Hierarchie überdacht und verändert.

Das Einheitsprinzip der früheren Päpste sei überholt und nicht mehr denkbar. Es müsste deshalb unterschiedliche Wege und Möglichkeiten der Öffnung geben, wobei auch das Frauendiakonat angesprochen werden müsse, das bereits 2013 von Kardinal Karl Lehmann angedacht worden sei.

Die mehrheitliche Meinung der Gesprächsteilnehmer an diesem Abend zeigte deutlich, dass man Veränderungen gegenüber aufgeschlossen ist, zumal es in der Kirchengemeinde erfreulich viele Menschen gibt, die sich gerne einbringen. Schwierig sei es, Priester aus anderen Kulturen mit diesen Überlegungen vertraut zu machen. Winterholer forderte deutlich: "Schlagen Sie etwas vor, was man ändern kann. Denn wir müssen zu anderen Formen kommen."