Der wahre Gottesdienst.

In diesen Zeiten, in denen wir auf viele kirchliche Angebote verzichten müssen und auf uns selbst verwiesen sind, ist es unumgänglich, dass ich meinen Glauben geistig wachsen lasse und so selbst zu einem Tempel Gottes werde. Im Blick auf die Adventszeit möchte ich den Glauben auf der persönlichen Ebene ein wenig entfalten.

Die Lesungstexte des Christkönigssonntags sind dazu eine Reise durch den Glauben. Wer diese Texte liest und sie zu Herzen nimmt, hat die Essenz der Bibel gelesen und versteht, worauf es ankommt. Dazu möchte ich einige Gedanken einfügen:

So spricht Gott, der Herr:
„Siehe, ich selbst bin es,
ich will nach meinen Schafen fragen
und mich um sie kümmern.
Wie ein Hirt sich um seine Herde kümmert, an dem Tag,
an dem er inmitten seiner Schafe ist, die sich verirrt haben,
so werde ich mich um meine Schafe kümmern
und ich werde sie retten aus all den Orten,
wohin sie sich am Tag des Gewölks
und des Wolkendunkels zerstreut haben.

Ich, ich selber werde meine Schafe weiden
und ich, ich selber werde sie ruhen lassen –„
Spruch Gottes, des Herrn.
„Die verloren gegangenen Tiere will ich suchen,
die vertriebenen zurückbringen,
die verletzten verbinden,
die schwachen kräftigen,
die fetten und starken behüten.
Ich will ihr Hirt sein
und für sie sorgen, wie es recht ist.
Ich sorge für Recht zwischen Schaf und Schaf.“

(Ez 34, 11–12.15–17a)

Verirrt sind wir, verletzt, vertrieben, schwach. Gottes Schafe werden bei Ezechiel so beschrieben. Und Gott selbst wird uns suchen, zurückführen, verbinden, sättigen. Es gibt allerdings auch starke und fette. Die will er pflegen und behüten.

Gott als Hirte wird dann auch im nachfolgenden Psalm des Tages als Gebet von König David formuliert.

Es ist der alle Glaubenden bewegende Psalm 23:

Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.

Er lässt mich lagern auf grünen Auen
und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
Meine Lebenskraft bringt er zurück.
Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen.
Auch wenn ich gehe im finsteren Tal,
ich fürchte kein Unheil;
denn du bist bei mir,
dein Stock und dein Stab, sie trösten mich.
Du deckst mir den Tisch
vor den Augen meiner Feinde.
Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt,
übervoll ist mein Becher.
Ja, Güte und Huld
werden mir folgen mein Leben lang
und heimkehren werde ich ins Haus des Herrn *
für alle Zeiten.

Nun folgt eine theologische Abhandlung aus dem 1. Brief des Apostel Paulus an die Korinther, über das Handeln Gottes in Jesus Christus, dem alle Feinde, Himmel und Erde, Mächte und Gewalten, zum Schluss auch noch der Tod, unterworfen und dann Gott selbst zu Füßen gelegt werden:


Christus ist von den Toten auferweckt worden
als der Erste der Entschlafenen.

Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist,
kommt durch einen Menschen
auch die Auferstehung der Toten.
Denn wie in Adam alle sterben,
so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.
Es gibt aber eine bestimmte Reihenfolge:
Erster ist Christus;
dann folgen, wenn Christus kommt,
alle, die zu ihm gehören.
Danach kommt das Ende,
wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft entmachtet hat
und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt.
Denn er muss herrschen,
bis Gott ihm alle Feinde unter seine Füße gelegt hat.
Der letzte Feind, der entmachtet wird,
ist der Tod.
Wenn ihm dann alles unterworfen ist,
wird auch er, der Sohn, sich dem unterwerfen,
der ihm alles unterworfen hat,
damit Gott alles in allem sei.

(1 Kor 15, 20–26.28)

Was fehlt ist der Königstitel. Den benutzt Jesus dann gegenüber dem weltlichen Herrscher Pilatus. Doch Jesus nennt sich den König der Wahrheit. Er ist kein König der weltlichen Macht.

Die Schöpfung steht demjenigen Menschen zu Diensten, welcher durch die Hingabe an Gottes Wort zum Kind Gottes und Freund bzw. Freundin Jesu wird. Die Erde wird zum Reich Gottes für den, der Kind Gottes ist. Und die ganze Schöpfung wirkt dann auf das Erreichen des ewigen Lebens hin. Die Welt als Werkzeug Gottes zur Erlösung seiner Auserwählten. Ein gewaltiges Geschehen. Und dazu gehören auch Hinfälligkeit, Krankheit, Sterben. Eben alles in dieser Schöpfung. Jede Krankheit kann für den Gläubigen ein Helfer sein, im extremsten Fall dann seine Eingangstüre zum ewigen Leben. Warum also Angst haben?

Im Evangelium klärt uns Jesus über die Bedingungen auf, zu denen wir das Reich Gottes zu Füßen gelegt bekommen: Hungernde sättigen, Durstige tränken, Kranke heilen und trösten, Einsame besuchen, Nackte kleiden, Gefangene besuchen. Als erste sind es die Menschen in unserer Familie, aber auch alle, die Gott uns sozusagen als unsere Nächsten auf unseren Weg schickt:

Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt
und alle Engel mit ihm,
dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.
Und alle Völker werden vor ihm versammelt werden
und er wird sie voneinander scheiden,
wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.
Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen,
die Böcke aber zur Linken.
Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen:
Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid,
empfangt das Reich als Erbe,
das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist!
Denn ich war hungrig
und ihr habt mir zu essen gegeben;
ich war durstig
und ihr habt mir zu trinken gegeben;
ich war fremd
und ihr habt mich aufgenommen;
ich war nackt
und ihr habt mir Kleidung gegeben;
ich war krank
und ihr habt mich besucht;
ich war im Gefängnis
und ihr seid zu mir gekommen.
Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen:
Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen
und dir zu essen gegeben
oder durstig
und dir zu trinken gegeben?
Und wann haben wir dich fremd gesehen
und aufgenommen
oder nackt
und dir Kleidung gegeben?
Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen
und sind zu dir gekommen?
Darauf wird der König ihnen antworten:
Amen, ich sage euch:
Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt,
das habt ihr mir getan.
Dann wird er zu denen auf der Linken sagen:
Geht weg von mir, ihr Verfluchten,
in das ewige Feuer,
das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!
Denn ich war hungrig
und ihr habt mir nichts zu essen gegeben;
ich war durstig
und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben;
ich war fremd
und ihr habt mich nicht aufgenommen;
ich war nackt
und ihr habt mir keine Kleidung gegeben;
ich war krank und im Gefängnis
und ihr habt mich nicht besucht.
Dann werden auch sie antworten:
Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig
oder fremd oder nackt
oder krank oder im Gefängnis gesehen
und haben dir nicht geholfen?
Darauf wird er ihnen antworten:
Amen, ich sage euch:
Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt,
das habt ihr auch mir nicht getan.

Und diese werden weggehen
zur ewigen Strafe,
die Gerechten aber
zum ewigen Leben.

(Mt 25, 31–46)

Darum feiern wir eigentlich auch keine Gottesdienste, sondern versammeln uns zum Liebesdienst. Denn wir sind eben keine Dienerinnen und Diener mehr:

"Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe" (Joh 15,15). Gott zu lieben ist dabei die Verwirklichung unserer inneren göttlichen Veranlagung und darum zu tiefst erfüllend.

Die Versammlung der Gemeinde gehört darum wesentlich zum christlichen Glauben. Denn durch die Bildung einer geschwisterlichen Gemeinschaft wachsen wir in unserem Menschsein sozusagen aus der Familie heraus in die Gemeinschaft der Kinder Gottes und bilden damit die wahre Familie unseres wahren Vaters.

Es wäre für alle Christen heilbringend, wenn wir die Fußwaschung als Zeichen der wahren Gemeinschaft und der christlichen Einstellung jeden Sonntag feiern würden und nur am Ostersonntag die Eucharistie. Die Fußwaschung ist das Zeichen dafür, dass wir einander die niedrigsten Liebesdienste erweisen sollen. Die Fußwaschung war zurzeit Jesu die Aufgabe der niedrigsten Knechte oder Sklaven.

Dies würde die wahre christliche Spiritualität in unsere Kirchen bringen. Denn es gibt im Johannesevangelium nur die Fußwaschung. Diese wird detailliert und mit Jesu Worten und Auftrag an uns entfaltet, während das Mahl nur mit einer Anmerkung ohne irgendwelche Ausführung beschrieben ist: „Es fand ein Mahl statt.“ Das ist schon alles. Das Johannesevangelium ist das spirituelle Evangelium, während das Markusevangelium das pragmatische Evangelium ist, von welchem dann mit Ergänzungen aus verschiedenen Quellen, Lukas und Matthäus abgeschrieben haben. Auch in den sogenannten Synoptikern wird die gegenseitige Liebe als das Wesen unseres Glaubens entfaltet und das Mahl Jesu bestätigt nochmal die Liebe füreinander als das innere Geheimnis des gemeinsamen Mahles. Das eine Brot schenkt allen Christen das Leben, das Brot Jesu ist das Wort, dass uns selbst in seinen Leib verwandelt: Jesus aber antwortete: "In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt" (Mt. 4,4). Das Brot des Abendmahles oder der Eucharistie ist in Wirklichkeit das gelebte Wort Jesu, welches den Leib der Christen in den Leib Jesus Christus selbst verwandelt. Ja, im Moment des Mahles durch ein christliches Leben schon verwandelt hat. Dadurch wird das Mahl zum Zeichen für dieses Geheimnis, also Sakrament.

Das Johannesevangelium ist sicher in seiner Entfaltung für diejenigen Christen geschrieben, welche sich nach einer sehr persönlichen Beziehung zu Gott in Jesus Christus sehnen und diese eigene innere Wandlung anstreben. Dies ist ein spiritueller Weg über die indirekteTeilhabe hinaus. Auf diesem Weg fallen alle Sicherheiten und für äußere Rituale ist kein Platz. Es wird jede Distanz überwunden und dies braucht Mut: Ich liefere mich Gott als Jüngerin oder Jünger Jesu ohne menschliche Vermittlung aus. Und dies ersehnt sich Gottes Liebe im Innersten. Auch er möchte sich in seinem alles umfassenden Ja zu uns ausliefern. Dazu brauche ich Mut. Den Mut, an Gottes Vergebung seine Gnade und Liebe im Blick auf mich und mein Leben zu Glauben. Ja, existenziell zu glauben.

Wenn ich diesen Weg beschreite, dann befreie ich mich von scheinbaren Sicherheiten in der Unterordnung unter Hierarchien und deren menschlichen Vorschriften und Gesetzen im Glauben. Ich brauche auch niemanden mehr, der für mich etwas verwandelt, sondern ich verwandle mich aus eigenem Willen heraus selbst. Eine andere Wandlung würde mich nicht wirklich verändern. Ich lasse das lebendige Wasser Gottes aus der göttlichen Liebe in mir zum ewigen Leben fließen. Und diese Liebe ist so gütig und barmherzig wie Gottes Liebe, für alle Geschöpfe Gottes, nicht nur den Menschen. Ich liebe die Menschen und alle Geschöpfe Gottes und achte, hüte und schütze sie wie mein eigenes Leben. Und diese Liebe ist gleichzeitig die reine Dankbarkeit für die Würde, die Gott jeder und jedem von uns geschenkt hat. In allem, für alles und für alle.

Ihr Diakon Günter Duvivier